was ist eine gute shakuhachi für beginner
shakuhachi · stilleben
Regelmäßig werde ich zu Beginn der Übung gefragt, woran eine gute Shakuhachi zu erkennen ist und wie man ein solches Instrument bekommt. Wie soll ich eine solche Frage beantworten? Vielleicht mit Gegenfragen: Was hast Du damit vor? Welche Ressourcen hast Du und wieviel willst Du davon ausgeben? Welchen Klang wünschst Du Dir und warum? Wie wichtig ist die äußere Erscheinung des Instruments? Eher eine traditionelle, wenig behandelte jinashi oder eine moderner gebaute und gestimmte jiari? Soll Deine Entscheidung für eine Flöte rein subjektiv sein, bist Du das Maß, oder bist Du offen für Erfahrungen anderer? Usw. Und wenn ich all diese Fragen stelle, wird spätestens jetzt der Beginner ganz verwirrt sein. Deshalb stelle ich nur die meines Erachtens wichtigste Frage: Bist Du schon bereit, den Weg der Flöte zu gehen? Oder brauchst Du für die Entscheidung noch etwas Zeit und Information.
Die Entscheidung, ein Instrument – oder etwas anderes – zu lernen, müssen wir selbst treffen. Sie vorher zu prüfen, könnte eine gute Idee sein. Auf alle Fälle: Zu Beginn wird es eher an der Fähigkeit als an der Flöte liegen, wenn ein Ton nicht zufriedenstellend gelingt. So könnte man empfehlen, erst einmal möglichst viel zu spielen und sich in der Zeit nicht so sehr mit der Frage nach „guten Flöten“ zu beschäftigen. Als Fortgeschrittener kann man das immer noch tun. Aber manchen ist so eine Vorgehensweise nicht recht und ein paar Infos sind vielleicht auch zu Anfang bereits hilfreich.
Shakuhachis werden traditionell aus Madake-Bambus hergestellt. Es gibt sie auch aus Holz (meist gedrechseltes Ahorn) oder Plastik. Ihr Material berührt eine praktische, ökologische und eine philosophisch-ästhetische Frage. Die praktische läßt sich relativ leicht beantworten: Der Sound einer gut konstruierten Holz- oder Plastikflöte dürfte sich von dem einer guten Bambusflöte kaum unterscheiden. Das Material läßt sich gut formen und seine Eigenschwingung tut zum Klang nichts dazu. Der Klang wird allein durch Schwingungen der Luftsäule im Innenrohr erzeugt. Ökologisch gesehen haben Holz- und Bambusflöten den Vorteil nachhaltiger Ernte. Plastik hat in der Beziehung eher einen schlechten Ruf. Für mich ist Plastik ein durchaus wertvolles Material. Seine Ressourcen sind begrenzt und die Herstellung und spätere Entsorgung ist mit know-how verbunden. Daher sollte es vielleicht aus ökologischer Sicht nicht für Wegwerfprodukte oder Verpackung genutzt werden. Für die Herstellung wertvoller Gegenstände wie der von Instrumenten, hat es nach meiner bisherigen Erkenntnis seinen Platz.
Kommen wir zur philosophisch-ästhetischen Frage: Ist das Material an sich wichtig, damit ein Gegenstand gut oder schön ist? Der Griechische Philosoph Sokrates hat dies in seinem berühmten Gespräch mit Hippias verneint: Eine Figur kann schön sein, auch wenn sie aus Stein und nicht etwa aus so wertvollem Material wie Gold ist. Des modernen Architekten Corbusier’s Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp, aus Beton gebaut, gilt vielen als eine der schönsten Kapellen weltweit. Der Künstler Cattelan versuchte diese Frage an ihre Grenze zu führen, mit einer Toilette aus reinem Gold. Kurz: Das Material reicht uns im Westen nicht als ausreichendes Kriterium einer guten, schönen Flöte. Ebenso wenig das Kriterium ihrer äußeren Erscheinung. In der Japanischen Ästhetik geht man etwas anders vor. Hier wird versucht, Äußeres und Inneres zusammen zu sehen. Hier gibt es schon Kriterien einer guten, schönen Flöte. Sie sollte etwa 7 Nodien haben. Unten etwas gebogen sein und die beiden unteren Wurzelringe zu sehen sein. Das Mundstück könnte, goldverziert, aus Büffelhorn oder gar Elfenbein bestehen. Rattan-Wicklungen sind manchmal zu filigranen Mustern gebunden. Die Farbe goldbraun, zum Ende hin dunkler werdend. Innen eine glatte Struktur, knallrot lackiert. Eine gut gemachte Reparatur ist nicht schlimm, manchmal erhöht sie den Wert. Bei einer solchen, meisterhaft hergestellten, Flöte wird ein guter Klang quasi immanent vorausgesetzt und umgekehrt. Dabei zu bedenken ist vielleicht auch die kulturelle Verbindung der Ostasiaten zum Bambus. Dort ist der Bambus allgegenwärtig. Aufgrund seiner spezifischen Eigenschaften werden aus ihm Alltagsgegenstände, Werkzuge, Kunst- und Sakralgegenstände, sogar Häuser hergestellt. Der Bambushain schützte Japanische Dörfer vor Erdrutsch und Überschwemmung. Viele Mythen und Geschichten ranken sich um den Bambus. Im Zen gibt es die bekannte Überlieferung über Meister Kyōgen. Als er dabei war, den Weg zu fegen, ploppte plötzlich ein Stein gegen ein Bambusrohr. In dem Augenblick erwachte er:
Ein einziger Schlag ließ mich vergessen, was ich wusste · Kyōgen Chikan, gest. 898
Der Bambus ist vielen eine Verbindung von Erde, Luft und Himmel. Diese alte mythische Tradition spielte wohl bei der Entwicklung des Instruments über die Jahrhunderte hinweg eine wichtige Rolle. Dazu kommt die besonders in Japan verwurzelte Ästhetik des Wabi-Sabi (侘寂), einer besonderen Form der Einfachheit, die dem Bambus innewohnt. Und die die Trennung von Schönheit und Gebrauch nicht kennt. Ob dieser Mythos und all die oben genannten Kriterien so auch in Westlicher Vorstellung verankert und wichtig sind, weiß ich nicht, ich wage es zu bezweifeln. Doch wer sich über den Bambus mit dem Östlichen verbinden möchte, der wird zu einer solchen Flöte greifen. Ich persönlich finde gut gemachte, japanische Bambusflöten wahnsinnig schön. Jede hat ihren eigenen Charakter. Und keine, auch die Teuerste nicht, ist perfekt. Das aber ist nur meine Haltung. Ich bezweifle, dass solche Subjektivität allein ein gutes Wahrheitskriterium ist. Erforschen, welches eine gute Shakuhachi ist, kann man aber gemeinsam.
So komme ich zum Klang. Da mache ich es an dieser Stelle ganz kurz. Beim Klang müssen Spielende und Instrument zusammen kommen. Dabei hat ein Anfänger kaum Möglichkeiten, ein gutes Instrument zu erkennen. Er kann sich nur an Konventionen – Hersteller, Preis, Aussehen, Verarbeitung – orientieren. An dieser Stelle hilft noch einmal Sokrates, den ich nach Platons Kratylos wie folgt und recht frei wiedergebe: Das seiner Natur nach angemessene Instrument gilt es herauszufinden. Dabei braucht der Anfänger ein anderes als der Fortgeschrittene oder Meister. Die Idee des schönen und guten Instrumentes ist zwar in allen enthalten, aber nicht immer erkenn- und nutzbar. Um zu erkennen, ob sie in einem konkreten Instrument nutzbar ist, braucht es einen guten Spieler. Darüber hinaus braucht es gebildete Leute, die etwas von der Musik verstehen. Alle Beteiligten können in einen Dialog eintreten und versuchen, sich zu verständigen. Es wäre hilfreich, gegenwärtig ein wenig utopisch, wenn auch Kultur-Schaffende, Kritiker wie Zuhörer beteiligt werden. So kann ein Instrument letztlich in einem Akt gemeinsamer Verständigung als schön und gut erkannt werden. So etwas ist ein Prozeß. Und jeder Prozeß braucht einen Anfang. Laßt uns einfach so beginnen: In der Regel wird eine Empfehlung des Lehrers entscheidend sein. Und die wird sich oft nach dessen Klangvorstellung und den angenommenen Ressourcen des Schülers richten. Wer keinen Lehrer hat und doch beginnen will, dem mache ich einen simplen Vorschlag: Erst einmal nicht gleich eine teure Meisterflöte und auch nicht online eine Bambus-Billigflöte erwerben. Zum Ausprobieren bieten manche Lehrenden Leihflöten oder man kauft für die ersten Schritte eine günstige aus Plastik. Dann erprobt, wie weit Ihr damit kommt. In einem nächsten Schritt kann man sich nach einer mittelpreisigen, guten Schülerflöte umschauen. Und auch wenn ich mich jetzt bei ein paar Enthusiasten traditioneller Instrumente nicht beliebt mache: Beginne der Einfachheit halber mit einer klassischen, gut gestimmten jiari in 1.8er Länge (1 shaku, hachi (8) sun ≈ 55 cm). Auf lange jinashi kann man später immer noch erweitern.
Als Fazit dieser kleinen Betrachtung schöner wie guter Instrumente habe ich mich pragmatisch entschieden. Für „Beginner Beginners“, die ihre Motivation erforschen wollen, stelle ich eine - für diesen Zweck - gute und vielleicht schöne Flöte aus einem Hartplastikrohr für unter 50 Euro her. Damit kann man sich eine Weile ausprobieren und die Entscheidung zur ernsthaften Übung der Shakuhachi reifen lassen. Wer daran interessiert ist, setze sich gern mit mir in Verbindung. In einem kommenden Beitrag werde ich meine „kunststoff-flöte im stile einer shakuhachi“ ausführlicher vorstellen.