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entscheidungswanhaven · 2025

Entscheidungen sind unsere Verbindung zur Welt. Wir können uns nicht nicht entscheiden. Auch ein Schweigen, ein Sich-Abwenden oder ein Sich-Zurückziehen sind Signale. Auch die Vermeidung einer Entscheidung ist letztlich eine Entscheidung. Die Frage ist nur, ob wir sie bewusst treffen – „Ich entscheide mich, in diesem Fall keine Entscheidung zu treffen.“ – oder nicht. Im letzten Fall würde man sich unbewusst treiben lassen. Das ist nicht immer verkehrt, so wie auch das Würfeln einer Entscheidung möglich ist. Hier soll es aber um evaluative Entscheidungen gehen, um Entscheidungen, in denen wir im Prozess der Entscheidungsfindung Aspekte unseres Lebens berücksichtigen, abwägen und beurteilen.

Fürsorgliche Beratung
In der fürsorglichen Beratung haben wir es oft mit Entscheidungen zu tun, die eine persönliche Wichtigkeit haben. „Soll ich den Kontakt zu meinen Eltern anders gestalten?“ oder „Soll ich mit meinem Partner zusammenbleiben?“ oder „Soll ich mich beruflich neu orientieren?“ oder „Wie kann ich das Erlebte bewältigen?“ Das sind Fragen, die nicht mit abfragbarem Wissen beantwortet werden können. Man nennt sie auch evaluative Fragen. Solche Fragen können wir schlecht an einen Experten oder eine KI delegieren. Antworten sind allein in einem persönlichen, ganz individuellen Zusammenhang zu finden. Wir erkennen sie über Abwägen, Reflektieren, moralische Haltung, Intuitives Wissen. Geübte erkennen die Antwort manchmal allein, indem sie sich Zeit nehmen nachzudenken oder zu meditieren. Oft ist eine offene Kommunikation mit einem anderen Menschen hilfreich. Dieser Mensch kann aus dem Bekannten- oder Freundeskreis stammen oder ein professionell Beratender sein. Das Erkennen der Antwort ist in allen Fällen ein Prozess, der seine Zeit hat und braucht. Im Verlauf dieses Prozesses verändern wir uns: Wir werden zu jemandem, der eine Antwort auf diese wichtige Frage hat. Wir verhalten uns dabei nicht allein zu unseren instinktiven oder privaten Interessen sondern auch zu unserer Umgebung, ja zur Welt. Wir werden zu jemanden, der aktiv in der Welt steht und sich aktiv auf sie bezieht. Dann antworten wir klar auf die Herausforderung.

Entscheidungen brauchen Alternativen
Wenigstens zwei unterschiedliche Möglichkeiten des Handelns liegen Entscheidungen zugrunde. „Alternativlosigkeit“ ist im Grunde keine Entscheidung sondern Zwang. Innerer „Ich kann nicht anders.“ oder äußerer „Die Umstände lassen nichts anderes zu.“ Gründlich zu erforschen, welche Wahl wir haben, ob wir in gewisser Weise auch Herr*in der Umstände sind, lohnt sich. Denn so verharren wir nicht länger als passiv Getriebener sondern werden zum aktiv Gestaltenden.

Entscheidungen brauchen den ganzen Menschen
Bei evaluativen Entscheidungen geht es um Entscheidungen im Leben. Sie sind persönlich insofern sie uns selbst ausdrücken. Sie erfordern unsere innere Bereitschaft, mit anderen in Beziehung zu treten. Damit setzen wir uns in unserer ganz einzigartigen Situation den Reaktionen der Welt aus. Von dort wird das Feedback unseres Handelns gegeben. Das kann auch Widerstand sein. Entsprechend erfordern Entscheidungen fast immer Mut und Selbstbewusstsein. Wenn wir uns jedoch in unseren Entscheidungen als völlig getrennt von anderen erleben, kommt es mit der Zeit zu Problemen. Wer sich nur vorstellt, selbst völlig unbedeutsam zu sein oder im Gegenteil glaubt, für alles allein verantwortlich zu sein, hängt an einer depressiven oder manischen Illusion, die den Austausch, das Leben behindern. Doch mit selbstbewussten Entscheidungen kann sich strategischer Eigennutz zunehmend zu kooperativer Verständigung entwickeln, die ihrerseits langfristig größeren Nutzen für alle verspricht. Und dazu braucht es neben dem Verstand auch Gefühl, Mut, Energie, Empathie, einen moralischen Kompass, Phantasie und die Fähigkeit zur Kommunikation.

Entscheidungen brauchen Übung
Entscheidungen zu erkennen und durchzuführen ist nicht immer einfach und muss geübt werden. Man kann es sich so vorstellen: Das Gehirn muss bei evaluativen Entscheidungen viele Aspekte berücksichtigen und abwägen. Das ist selten mit einfachem „Richtig“ und „Falsch“ zu bewerkstelligen. Stattdessen sind es überwiegend komplexe Vorgänge, in denen Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen einzubeziehen sind. Wenn wir diese Tätigkeit an andere oder gar an Maschinen abgeben würden, könnten wir das nicht mehr üben und die Fähigkeit zum Urteil würde nach und nach verkümmern. Wie ein Muskel erschlafft, wenn er längere Zeit unzureichend bewegt wird, kann das Gehirn keine komplexen Aufgaben mehr schaffen. Mit Übung allein werden wir immer klarer in unserer Entscheidungsfindung. Der fürsorglich Beratende kann die Übung unterstützen. Etwa bei der Ordnung der Argumente, der gedanklichen oder emotionalen Durchdringung helfen. Und ermutigen, etwas – vielleicht Neues – auszuprobieren.

Letztlich sind wir verantwortlich dafür, welche Herausforderungen wir als die unsrigen erkennen. Vor diesem Hintergrund können wir uns entscheiden, wem wir folgen, was wir verwerfen und was wir tun. Selbstbestimmung und Freiheit führen nicht direkt zum Glück. Doch sie machen das Leben sinnhaft und geben Hoffnung.

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